In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

So lautet der Slogan des Gesellschafter-Projekts. Hinter diesem stehen stehen die Aktion Mensch und zahlreiche Verbände und Organisationen – darunter die Wohlfahrtsverbände und das ZDF.

Ich habe in letzter Zeit wieder oft an diesen Slogan gedacht und über mögliche Antworten nachgedacht. Auslöser waren meist Beobachtungen oder Diskussionen, bei denen mir klar wurde, wo sich unsere Gesellschaft in eine Richtung entwickelt, die mir ganz und gar nicht gefällt.

Zum Beispiel der Aushang am Sportplatz, auf dem uns der Sportverein mitteilt, dass eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge unvermeidbar wird. Grund dafür sind nicht etwa Investitionen in Sportgeräte, sonder die klamme Haushaltslage in Korschenbroich. Nicht zuletzt durch die Vorliebe unserer Bundesregierung, lieber die Klientel zu bedienen und z.B. der Hotelbranche ein Milliarden-Geschenk zu bereiten, fehlt den Kommunen weiteres Geld. Und die zeigen sich zumindest hier kreativ: So wird den Sportvereinen nachträglich (!) eine Energieabgabe für den Betrieb der Sportstätten abverlangt. Diese haben aber natürlich im Breitensport keine Möglichkeit, dies über Werbeeinnahmen o.ä. zu kompensieren. Gleichzeitig verdienen Bundesligavereine Millionen – und bedienen sich eines sehr kostspieligen Polizeiapparats, um ihre Spiele abzusichern. Wenn man das ganze einmal weiterdenkt und sich vorstellt, was Kids aus sozial schwachen Familien, die den erhöhten Mitgliedsbeitrag der Sportvereine nicht zahlen können oder wollen, demnächst so unternehmen, um ihre natürliche Energie abzulassen …

Ein anderer Anlass war persönlicher. Es ging um den beruflichen Wiedereinstieg meiner Frau. Bisher sehen wir da keine Möglichkeit, obwohl wir das Geld durchaus gut gebrauchen könnten. Aber das würde bedeuten, dass wir die Kids in die OGATA schicken müssten – und das wollen wir nicht, die Kids noch viel weniger. Ich will aber jetzt nicht auf unsere Situation raus, sondern auf den allgemeinen Trend, Männer und Frauen möglichst schnell in den klassischen Beruf zurückzubringen. Dabei wird m.E. nicht nur verkannt, welchen Wert die Anwesenheit der eigenen Eltern in den ersten Lebensjahren hat, sondern auch was der Gesellschaft an ehrenamtlichen Kräften verloren geht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sowohl Kindergarten als auch Schulen viele pädagogisch sinnvolle oder auch nur schöne Aktionen nur mit freiwilliger Unterstützung der Eltern durchführen können. So bastelt meine Frau mit Gleichgesinnten im Kindergarten, bereitet Feierlichkeiten mit vor und unterstützt bei diesen. In der Schule ist man auf den Einsatz von Eltern als “Lesemütter”, Bibliothekskräfte, Begleitung bei Ausflügen usw. angewiesen. Berufstätige Eltern sieht man dabei verständlicherweise selten. Trotzdem wird der freiwillige, unentgeltliche Einsatz viel zu wenig gewürdigt. Dabei ist die langfristige wirtschaftliche Bedeutung m.E. enorm. Hier wird Bildung massiv gefördert!

Ein Beispiel, für das ich gerade konkrete Zahlen bekommen habe: Die 26.500 ehrenamtlichen Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer der DLRG haben im letzten Jahr 1,4 Millionen Stunden Wachdienst für die Sicherheit von Badegästen und Wassersportlern. Wenn wir alle so egoistisch wären wie viele, die ich kenne – dann würden wir alle auch viel weniger Lebensqualität besitzen. Leider ist aber meistens der Altruist der Dumme während der FDP-wählende Egoist sich ins Fäustchen lacht und vom Einsatz der Ehrenamtlichen profitiert, ihnen gleichzeitig aber am liebsten jegliche Grundlage entziehen würde. Dabei habe ich nicht grundsätzlich etwas gegen liberales Gedankengut – es sollte nur seinen Grundsätzen verpflichtet sein, nicht dem Portemonnaie seiner Klientel. Da schließe ich mich voll und ganz den Ausführungen von Nico Lumma an.

Und ehrlich gesagt habe bei der immer weiter auseinandergehenden Schere zwischen arm und reich auch ernsthafte Angst um den gesellschaftlichen Frieden. Auch die eben erwähnten Egoisten sollten sich überlegen, ob sie alle ausreichend Mittel und Macht haben, sich gegen Unruhen und eine Ausweitung von Gewalt zu schützen. Die komfortablen und sicheren Verhältnisse, wie wir sie seit Gründung der Bundesrepublik in Deutschland kennen, sind keinesfalls natürlich gegeben, sondern beruhen auf einem Konsens, den alle Bevölkerungsschichten tragen müssen. Aber – die können auch anders …

All dies sind Entwicklungen hin zu einer Gesellschaft, in der ich nicht leben möchte – Du?

Michael Fehr

Ne echte Nüsser Jong (Baujahr 1972), den es nach einem mehrjährigen Gastspiel in Düsseldorf 2001 wieder zurück an den wunderschönen linken Niederrhein zog. Verheiratet, 2 Kids. Geek by nature.

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