Aufruf zum Streik!

Aufgrund verschiedener Beobachtungen, Unterhaltungen und Erlebnisse in den letzten Tagen und nicht zuletzt aufgrund einer anregenden Diskussion mit der lieben Frederike möchte ich hier einmal mehr meinen Gedanken freien Lauf lassen.

Disclaimer: Dies wird kein durchweg sachlicher Beitrag befürchte ich … ;-)

Aber worum geht es mir eigentlich? Nun, mich ärgert es einfach nach wie vor (und immer mehr) wie wenig Arbeit wertgeschätzt wird, solange es sich nicht um eine Erwerbstätigkeit handelt. Also z.B. im Falle ehrenamtlicher Arbeit – oder natürlich bei der unschätzbar wertvollen Erziehungsarbeit als Mutter (oder Vater), mit allem was dazu gehört.

In den letzten Tagen hatte ich zweimal die seltene Gelegenheit, meine Kids vom Sport abzuholen. Dabei ist mir nicht nur einmal mehr bewusst geworden, wie viel ich von meinen Kindern verpasse als viel und lange arbeitender, diplomierter “Leistungsträger” dieser Gesellschaft. Vielmehr war ich auch einmal mehr froh, dass es noch Leute gibt, die ehrenamtlich oder für kleinstes Geld bereit sind, mit unseren Kindern zu trainieren, ihnen Schwimmen beizubringen usw. Wer aber würde an diese Leute denken, wenn wir über die Leistungsträger der Gesellschaft reden? Da hat man immer nur den Business-Kasper vor Augen, den Großmeister des Buzzword-Bingo, der die “richtige Arbeit” macht …

Wie aber wäre es um unseren Wohlstand bestellt ohne all die Leute, die nicht rund um die Uhr im Auftrag eines Arbeitgebers unterwegs sind? Was würde laufen ohne sie? In meinen Augen nicht viel und vieles nicht. Da ich persönlich das Gefühl einiger Mütter kenne, die sich beinahe ein wenig dafür schämen, nicht so schnell wie möglich wieder “arbeiten zu gehen” (wobei natürlich nur bezahlte Arbeit zählt!), möchte ich einmal ein paar Beispiele aufzählen, auf die wir bzw. unsere Kinder dann verzichten müssten. Dinge, die das Personal der Kindertagesstätten und Schulen alleine gar nicht leisten kann:

  • Bundesjugendspiele
  • Ausflüge von KiTa-Gruppen
  • Diverse Handwerksarbeiten und Projekte wie z.B. Bau der Martinsfackeln
  • schuleigene Bibliotheken für die Kinder
  • Gesunde Ernährung in Schulen wie z.B. das Obst-Projekt der EU
  • kleine Lesegruppen im Förderunterricht
  • Schulfeste, Tage der offenen Tür, Martinszüge
  • und und und …

Oder erinnern wir uns doch einmal an die unzähligen Einsätze der Hilfsdienste bei Sturm und Überschwemmungen in den letzten Wochen. Hand auf’s Herz: wie viele meiner Akademiker-Kollegen waren denn dort die ganze Nacht durch im Einsatz bei der freiwilligen Feuerwehr oder beim THW? Wenn die Kacke mal richtig am Dampfen ist und existentielle Not herrscht werden auf einmal ganz andere zu Leistungsträgern der Gesellschaft! Klar, kurzfristig werden sie dann auch hochgelobt – aber wird ihre Arbeit im Alltag denn wirklich ausreichend wertgeschätzt?

Aber nicht nur ehrenamtliche Arbeit oder der freiwillige Dienst von Eltern wird völlig unter Wert gehandelt in unserer Gesellschaft. Schauen wir uns doch einmal die Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeheimen an – erst wenn der eigene Arsch nicht mehr komfortabel im Bürostuhl sitzt, sondern permanent durch Umlagerung vor einem Dekubitus bewahrt werden muss, merken manche Leute, welche großartige Arbeit dort geleistet – und leider völlig unter Wert bezahlt – wird.

Wenn ich dann lese, dass unsere capitalistisch-liberale schwarz-gelbe Bundesregierung die privaten Krankenversicherungen im Kampf um Gutverdiener stärken will könnte ich kotzen! Damit sich noch mehr Leute der sozialen Verantwortung entziehen können und unser Kassensystem immer weniger Leistung für die gesetzlich Versicherten erbringen kann? Genau, und aus dem Grund senken wir direkt auch noch die Kosten der privaten Krankenversicherungen. Schließlich muss die Mitgliedschaft in so einem elitären Club ja auch richtige Vorteile bieten!

Aber ich schweife vom eigentlichen Thema ab … kommen wir zurück zum Titel dieses Beitrags: Ich schlage vor, dass all die ehrenamtlich Tätigen in dieser Gesellschaft, all die inoffiziell im Erziehungssystem aktiven Eltern, all die freiwilligen Hilfsdienste einmal für ein paar Monate in den Streik treten. Nicht für mehr Geld, sondern einfach um dem Rest dieser Gesellschaft einmal zu zeigen, wo er ohne sie wäre: am Arsch!

Michael Fehr

Ne echte Nüsser Jong (Baujahr 1972), den es nach einem mehrjährigen Gastspiel in Düsseldorf wieder zurück an den wunderschönen linken Niederrhein nach "Kleenebrook" zog. Verheiratet, 2 Kids. Geek by nature. Über diese Seite bringe ich die Beiträge meines Blogs ins Fediverse. Du kannst ihnen dort folgen und gerne auch kommentieren. Die Kommentare erscheinen nach Freischaltung dann auf meiner Website. Wenn Du mir als Person im Fediverse folgen willst, findest du mich unter @fehrnetzt@nrw.social

1 Response

  1. Sören Brunke sagt:

    Mahlzeit,wäre dein Blogeintrag ein Vertrag, dann würde ich Ihn blind unterschreiben. Habe gerade heute erst dieses Thema im Büro gehabt. Zwar in etwas anderem Ausmaße, da ging es eher um Ellenbogenmentalität in der Gesellschaft, aber du hast absolut Recht!

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