Die Notwendigkeit der Debatte um den Atomausstieg – oder: Wahrscheinlichkeit vs. Erwartungswert

Nein, ich schaffe es nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten, ich muss meinen Senf dazu abgeben. Sorry. ;-)
Als ich heute nach dem Frühstück diesen Artikel bei Spiegel Online las kam mir fast das gerade erst genüsslich zu mir genommene Lachsbrötchen hoch. Und das lag nicht an dessen Bekömmlichkeit, sondern an Aussagen wie diesen:

„Eine Verkettung eines derart schweren Erdbebens und eines schweren Tsunamis ist in Deutschland nicht vorstellbar“. (Deutsches Atomforum)
„Selbst wenn die Dieselgeneratoren versagen, geht man davon aus, dass man innerhalb von 24 Stunden Strom an die Anlage bekommt“ (Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie)
„Deutsche Kernkraftwerke sind gegen die bei uns zu erwartenden Erdbeben ausgelegt“ (Jürgen Maaß vom Bundesumweltministerium)

Aha. Soso. „… nicht vorstellbar …“, „… geht man davon aus …“, „bei uns zu erwartenden …“.
Ja, Himmel Arsch und Zwirn!, will denn ernsthaft jemand behaupten, die Japaner hätten mit einem solch starken Erdbeben oder einer Verkettung dieser Umstände gerechnet und ihre Kernkraftwerke bewusst niedriger ausgelegt? Und letztlich hat nicht unmittelbar das Erdbeben oder der Tsunami zum nuklearen Notfall geführt, sondern der Stromausfall! Denkbare Ursachen für einen Stromausfall inkl. Ausfall der Notstromsysteme gibt es aber leider auch im angeblich sicheren Deutschland. In diesem Zusammenhang möchte aus diesem Blogartikel bei Frontmotor zitieren:

Als vermeintliche Islamisten am 11. September ein Flugzeug ins WTC steuerten, konnte der „Missbrauch der Ereignisse für politische Zwecke“ gar nicht groß genug sein. Da wurden keine Nebelkerzen gezündet, dass der 11. September „bei uns so nicht passieren könne“, etwa weil wir gar kein World Trade Center haben“. Nein, da genügte die geringste Ähnlichkeit, das geringste Indiz für massivste Einschränkungen und Ausbauten des Überwachungsstaates.

Dass das Kölner Stadtarchiv wegen des U-Bahn-Baus zusammenbricht hat auch niemand für möglich gehalten. Und dann kamen ein paar böse Buben und haben abweichend vom theoretischen Modell die Spielregeln geändert, in dem sie einfach Stahl geklaut statt verbaut haben! Was, wenn ein paar noch bösere Buben die Spielregeln beim Betrieb eines AKW ändern?
Was man sich vorstellt, wovon man ausgeht, was man erwartet ist immer nur das Ergebnis eines Modells, dass man aufstellt. Leider kann man aber weder alle Eventualitäten berücksichtigen noch alle Rahmenbedingungen kontrollieren.
„Erwartung“ ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort. Aus der Stochastik kennen wir den Begriff des Erwartungswerts: „Der Erwartungswert einer Zufallsvariablen ist jener Wert, der sich (in der Regel) bei oftmaligem Wiederholen des zugrunde liegenden Experiments als Mittelwert der Ergebnisse ergibt.“ Wenn man bei einem Glücksspiel abschätzen möchte, wieviel Geld man nach einer größeren Anzahl an Runden in der Tasche hat, ist eben nicht nur die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse von Bedeutung, sondern auch der Einsatz je Runde sowie der bei einem Ereignis ggf. realisierte Gewinn.
Bezogen auf die Kernkraft ist das nicht anders: Wenn wir mit einer vermeintlichen sehr geringen Wahrscheinlichkeit vor einem riesigen Berg Scheiße stehen, dann ist der Erwartungswert immer noch ein sehr großer Haufen. Eines ist hier jedoch anders als beim Roulette: Die möglichen Verluste am Ende des Tages tragen nicht oder nicht nur die Betreiber der AKW (diese realisieren nur die Gewinne) oder die Politiker (diese gewinnen indirekt durch die Gunst der Atomlobby), sondern andere. Ein klassischer Fall der Externalisierung von Kosten. Oder hat schon jemand von einem realisierten Endlager für radioaktive Abfälle gehört, für das die Atomindustrie gesorgt hätte?
Falls der bei uns nicht, nienmals, unter keinen Umständen zu erwartende GAU dann doch eintreten sollte werden die Verantwortlichen sicher ausreichend Möglichkeiten haben, ihren Arsch an eben diesen der Welt zu verfrachten, um aus ihren Nachkommen keine Burlis werden zu lassen. Wie würde es wohl die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen beeinflussen, wenn Betreiber und Poilitiker sowie deren Nachfahren dazu verpflichtet werden könnten, im Fall der Fälle vor Ort bei den Hilfsmaßnahmen und Aufräumarbeiten persönlich zu unterstützen?
Da dies aber nicht der Fall ist und nicht sein wird erwarte ich nicht nur, wie vom wahlkämpfenden Umweltminister Röttgen verkündet, dass wir „über Atomkraft neu nachdenken“:

Ich fordere vielmehr die Rückkehr zum Ausstieg. Und weil es bei den Guttenberg-Fans ein so beliebtes Instrument war mache ich das auch bei Facebook:
https://www.facebook.com/AtomausstiegJetzt
 

Michael Fehr

Ne echte Nüsser Jong (Baujahr 1972), den es nach einem mehrjährigen Gastspiel in Düsseldorf 2001 wieder zurück an den wunderschönen linken Niederrhein zog. Verheiratet, 2 Kids. Geek by nature.

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